Empathie war nie Kuschelkurs
- saschabrink

- vor 5 Tagen
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Empathie ersetzt keine Klarheit. Sie sorgt dafür, dass Klarheit überhaupt ankommt.

Ein Mitarbeiter, engagiert, denkt mit, trifft in seinem Bereich eine Entscheidung selbst, weil sonst nichts vorangeht. Kurz darauf wird er zum persönlichen Gespräch gebeten.
Dort fällt der Satz: Er sei Dienstleister. Er sei nicht derjenige, der die Prioritäten setze.
Das täten Geschäftsführung und Vertriebsleitung. Er sei der Dienstleister, der umzusetzen habe.
Formal ist daran nichts falsch. Die Zuständigkeit war korrekt beschrieben.
Wochen später gab es die Entscheidung immer noch nicht. Verändert hat sich trotzdem etwas: Der Mitarbeiter überlegt sich seitdem zweimal, was er wann und wie eigenständig entscheidet.
Was hier Gefahr lief verloren zu gehen, steht in keiner Zielvereinbarung. Es war die Bereitschaft, ohne Auftrag den Kopf einzuschalten.
Zu weich, zu nett, keine Zeit
Als ich vor mehr als 25 Jahren anfing, Führungskräfte zu begleiten, war Empathie ein Wort, das man im Seminarraum besser nicht zu früh benutzte. Es kam zuverlässig zurück, fast immer in einer von drei Varianten.
Zu weich.
Zu nett.
Dafür haben wir keine Zeit.
Meine Beobachtung war damals schon eine andere.
Warum die „weichen“ Führungskräfte die besseren Zahlen hatten
Die Führungskräfte, die ihre Leute wirklich verstanden, die zugehört haben und trotzdem klar entschieden, waren fast immer die erfolgreicheren. Ihre Teams zogen mit. Konflikte blieben klein, weil sie früh besprochen wurden. Und Veränderungen liefen leichter, weil niemand erst überzeugt werden musste, dass es die Führungskraft ernst meint.
Belegen konnte ich das damals nicht. Ich habe es gesehen, immer wieder, in Workshops, in Mitarbeitergesprächen, in Filialen und Abteilungen, in denen die Stimmung schon an der Tür spürbar war. Mehr als eine gute Beobachtung war das nicht.
Inzwischen stehen Zahlen daneben
2023 hat Avantgarde Experts gemeinsam mit YouGov 1.093 Beschäftigte mit akademischem Hintergrund in Deutschland repräsentativ befragt. Meistgenannte Erwartung an Führungskräfte: Empathie, mit 56 Prozent. Ein Jahr zuvor stand noch das „starke Leitbild für Krisen“ auf Platz eins. Stärke rutschte auf Platz acht.
2024 hat der Hernstein Management Report 1.500 Führungskräfte und Unternehmer in Deutschland und Österreich befragt. Auch dort landet Empathie ganz vorne: 54 Prozent halten sie für sehr wichtig. Interessanter ist die zweite Zahl. Nur 32 Prozent sagen, dass ihre eigene Führungskraft das auch einlöst. 22 Prozentpunkte Lücke zwischen dem, was für richtig gehalten wird, und dem, was oben ankommt.
2026 hat YouGov für YER Deutschland 2.044 Beschäftigte befragt. An der Spitze der Erwartungen stehen zwei Eigenschaften gleichauf, mit jeweils 33 Prozent: Empathie und Entscheidungsfähigkeit.
Genau das ist der Punkt. Beschäftigte wollen nicht die eine oder die andere Führungskraft.
Sie wollen jemanden, der zuhört und danach entscheidet.
Auch die Forschung ist eindeutiger geworden. Internationale Übersichtsarbeiten zeigen, dass empathische Führung Vertrauen stärkt, die Zusammenarbeit verbessert, die Motivation erhöht und sich messbar auf Leistung und Wohlbefinden auswirkt.
Warum diskutieren wir dann überhaupt noch?
Das ist für mich der interessantere Teil. Weniger das Ergebnis selbst. Eher die Tatsache, dass wir 2026 immer noch darüber streiten, ob Empathie in die Führungsetage gehört.
Ich glaube, das liegt an einem Missverständnis, das sich hartnäckig hält: Empathie wird mit Nachgiebigkeit verwechselt. Wer versteht, so die Sorge, kann nicht mehr entscheiden.
Wer zuhört, gibt nach. Verstehen heißt aber nicht einverstanden sein.
Zurück zu dem Gespräch vom Anfang. Die Führungskraft hätte exakt dasselbe sagen können, inhaltlich unverändert, und hätte trotzdem vorher eine Sekunde darauf verwenden können,
was da eigentlich vor ihr sitzt: jemand, der Verantwortung übernommen hat, weil ihm die Sache nicht egal war. Ein Satz dazu hätte gereicht. Der Rest der Botschaft wäre angekommen, ohne den Menschen zu demotivieren.
Empathie ist Arbeit, kein Charakterzug
Und genau deshalb halte ich die Debatte über Empathie als Persönlichkeitsmerkmal für eine Sackgasse. Empathie ist eine Fähigkeit, die man üben kann. Sie beginnt mit einer eher unromantischen Frage:
Wie funktioniert dieser Mensch eigentlich?
Was braucht er, um in Bewegung zu kommen?
Was bringt ihn zuverlässig auf die Palme?
Wie viel Nähe verträgt er, wie viel Struktur will er?
Wer darauf halbwegs verlässliche Antworten hat, führt präziser.
Niemand ist schwierig. Manche werden nur falsch bedient.
Die Frage hat sich verschoben
Wenn Tausende Beschäftigte, Hunderte Führungskräfte und die internationale Forschung in dieselbe Richtung zeigen, dann können wir aufhören zu fragen, ob Empathie wichtig ist.
Die 22 Prozentpunkte aus dem Hernstein Report sagen ohnehin genug:
Am Bekenntnis fehlt es nicht.
Die interessantere Frage stellt sich auch nicht in der Strategiepräsentation, sondern am Dienstagmorgen um Viertel nach acht, wenn jemand in Ihr Büro kommt, der etwas riskiert hat.
Woran merken Sie, dass Sie in diesem Moment mitentscheiden, ob er es wieder tut?




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