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Erst ich. Dann du.

Führungskraft - Impathie  vor Empathie
Führungskraft - Impathie vor Empathie

Alle reden von Empathie. Zu Recht. Aber vielleicht beginnt gute Führung an einem anderen Ort.

Führungskräfte sollen empathischer werden. Teams sollen empathischer miteinander umgehen. Kulturen sollen empathischer werden. Natürlich klingt das richtig. Wer möchte schon von jemandem geführt werden, der Ziele formulieren kann, aber keine Zwischentöne hört?

Aber vielleicht beginnt genau hier ein Denkfehler.

Denn bevor ich mich wirklich in andere einfühlen kann, bräuchte ich zumindest eine leise Ahnung davon, was in mir selbst gerade los ist.


Bin ich wirklich gelassen?

Oder funktioniere ich nur professionell?

Bin ich offen für mein Gegenüber?

Oder bin ich innerlich schon im Verteidigungsmodus?

Höre ich gerade zu?

Oder warte ich nur auf meine nächste kluge Antwort?


Was Impathie damit zu tun hat


An dieser Stelle wird ein Begriff interessant, der gerade häufiger auftaucht: Impathie. Gemeint ist, vereinfacht gesagt, die nach innen gerichtete Empathie. Die Fähigkeit, eigene Gefühle, Bedürfnisse, Gedanken, Grenzen und innere Reaktionen wahrzunehmen, zu verstehen und mit einer gewissen Freundlichkeit ernst zu nehmen.

Nicht als Selbstoptimierungsübung. Nicht als Wellnessprogramm für Menschen mit zu vielen Notizbüchern.

Sondern als ziemlich praktische Kompetenz für Führung, Zusammenarbeit und ein erwachsenes Leben.


Das stille Problem hinter vielen Konflikten


Ich arbeite seit vielen Jahren mit Führungskräften und Teams. Und je länger ich das tue, desto stärker wird eine Erkenntnis.

Viele Konflikte entstehen nicht, weil Menschen zu wenig über andere wissen.

Sie entstehen, weil Menschen zu wenig über sich selbst wissen.

Da sitzt jemand im Meeting und sagt: „Mir geht es nur um die Sache.“

Aus systemischer Sicht könnte man freundlich zurückfragen:

Welche Sache genau? Die fachliche Sache? Die gekränkte Sache? Die Kontrollsache?

Die Sache mit dem inneren Anspruch, immer souverän wirken zu müssen?

Natürlich sagt man das nicht immer so. Jedenfalls nicht im ersten Satz.

Aber genau darum geht es. Wir bringen unsere Geschichte mit. Unsere Antreiber.

Unsere Schutzprogramme. Unsere blinden Flecken. Wer das nicht weiß, hält die eigene Reaktion schnell für die Realität.

Dann wird aus Unsicherheit Kontrolle. Aus Überforderung wird Ungeduld.

Aus Angst vor Bedeutungsverlust wird Mikromanagement. Aus dem Wunsch nach Harmonie wird Konfliktvermeidung. Aus Empathie wird manchmal sogar Überanpassung.


Was die Forschung dazu sagt


Das Konzept der Impathie ist noch jung. Aber die angrenzenden Felder liefern ziemlich klare Hinweise.

Wer eigene Emotionen wahrnehmen und benennen kann, kann sie häufig auch besser regulieren. Der Körper meldet oft früher als der Kopf, dass etwas nicht stimmt. Enge im Brustkorb. Druck im Bauch. Spannung im Kiefer. Wer diese Signale kennt und ernst nimmt, ist schneller orientiert als jemand, der auf den nächsten rationalen Impuls wartet.

Und noch etwas. Selbstmitgefühl ist kein Weichspüler. Menschen, die mit sich selbst weniger hart umgehen, sind nicht automatisch bequemer. Sie sind oft stabiler, lernfähiger und klarer.

„Jetzt stell dich nicht so an.“ „Das darf mich nicht treffen.“ „Andere kriegen das doch auch hin.“

Das klingt nach Disziplin. Ist aber oft nur schlecht verkleidete Selbstabwertung.


Empathie braucht ein Gegenstück


Empathie hat ein gutes Image. Zu Recht.

Aber Empathie ohne Selbstkontakt kann kippen. Dann spüre ich viel von anderen und verliere den Kontakt zu mir selbst. Ich merke, was mein Gegenüber braucht, aber nicht mehr, wo meine Grenze ist. Ich verstehe die Not des Teams, aber überhöre die eigene Erschöpfung. Ich nehme Rücksicht. Sage aber nicht mehr klar, was notwendig ist.

In Führung ist das besonders gefährlich.

Führung braucht beides: Verbindung und Klarheit. Nur Verbindung wird weich. Nur Klarheit wird kalt.

Ich muss mich nicht verlassen, um dir nahe zu sein. Sascha Brink | br!nk – fokusMensch

Die eigene Gebrauchsanleitung als Führungsinstrument


Konkret wird das, wenn eine Führungskraft sagen kann:

„Ich merke, dass ich unter Zeitdruck schnell direktiv werde. Das ist manchmal hilfreich. Gebt mir bitte ein Signal, wenn ich zu früh in Lösungen springe.“

Oder: „Ich brauche Klarheit über Zuständigkeiten. Wenn Rollen unklar bleiben, fange ich an, Dinge an mich zu ziehen. Das ist nicht immer sinnvoll. Lasst uns das sauber klären.“

Das ist keine Schwäche. Das ist erwachsene Selbstführung.

Plötzlich müssen andere nicht mehr raten, wie jemand funktioniert. Sie bekommen Zugang zur inneren Logik. Nicht als Rechtfertigung. Sondern als Einladung zur besseren Zusammenarbeit.


Eine Übung für heute


Bevor Sie in das nächste schwierige Gespräch gehen: 90 Sekunden, eine einzige Frage.


Was passiert gerade in mir?

Und was brauche ich, um klar und zugewandt in dieses Gespräch zu gehen?


Das ist keine Esoterik. Das ist innere Lagebesprechung.

Wir machen ständig Lagebesprechungen über Märkte, Projekte, Kennzahlen und andere Menschen. Aber erstaunlich selten machen wir eine ehrliche Lagebesprechung mit uns selbst.


Wer sich selbst besser versteht, kann anderen klärer begegnen


Empathie bleibt wichtig. Aber sie braucht ein Gegenstück.

Wer nur nach außen fühlt, verliert sich leicht im Außen. Wer nur nach innen schaut, verliert den Kontakt zur Welt. Reif wird es dort, wo beides zusammenkommt: Ich nehme mich ernst und bleibe beziehungsfähig. Ich verstehe mich besser und nutze dieses Verständnis, um klärer, menschlicher und verantwortlicher zu handeln.

Vielleicht ist Impathie deshalb mehr als ein neuer Achtsamkeitsbegriff.

Vielleicht ist sie ein fehlendes Kapitel in vielen Führungsprogrammen.

Und vielleicht beginnt gute Führung tatsächlich nicht mit der Frage:

Wie erreiche ich andere?

Sondern mit einer ruhigeren, unbequemeren und sehr wirksamen Frage.



Wie erreiche ich mich selbst?



Quellen und Forschungshinweise


Die im Beitrag beschriebenen Zusammenhänge stützen sich auf folgende Arbeiten:


Neubrand, S. & Gaab, J. – Impathie als „introversive empathy": Wahrnehmung, Metaposition, Verstehen, annehmende Haltung.

Achtsamkeitsforschung (u. a. Shapero et al.) – Selbstwahrnehmung, Aufmerksamkeitssteuerung und Emotionsregulation als Kernmechanismen.

Interozeptionsforschung (u. a. Garfinkel & Critchley) – Körpersignale als frühe Orientierungshilfe.

Alexithymie (u. a. Bagby et al.) – Zusammenhang zwischen Gefühlsblindheit und psychischer Belastung.

Selbstmitgefühl & Resilienz (Zeng et al., 2024) – Meta-Analyse mit positiven Zusammenhängen.

Emotionale Intelligenz in Führung – Übersicht über 100+ Studien zu Selbstwahrnehmung, Regulation, Empathie.


Zum Weiterlesen:


Daniel Goleman – EQ. Emotionale Intelligenz Das Standardwerk. Warum Selbstwahrnehmung die Basis jeder sozialen Kompetenz ist.

Kristin Neff – Selbstmitgefühl Warum innere Strenge uns nicht weiterbringt. Direkt relevant für alles, was hier über Selbstabwertung gesagt wird.

Bessel van der Kolk – Verkörperter Schrecken Warum der Körper früher weiß als der Kopf. Kein leichtes Buch. Aber eines der wirksamsten.

Marshall Rosenberg – Gewaltfreie Kommunikation Selbstkontakt als Voraussetzung für echten Dialog. Weit vor dem Begriff Impathie.


Sie möchten Selbstführung und Selbstwahrnehmung als Führungsinstrument gezielter nutzen? Sprechen Sie mich an.

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Sascha Brink

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Sascha Brink begleitet Führungskräfte, Teams und Organisationen als Sparringspartner für Führung und Zusammenarbeit. Standort Hamburg, tätig deutschlandweit.

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