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Führungssituationen, die sich nicht von selbst erledigen

Manche Themen lösen sich nicht einfach durch Abwarten. Warten ist bereits eine Entscheidung, nur eben keine bewusste. Und die hat Folgen.


Warum warten wir trotzdem?

Weil Systeme eine enorme Kraft haben, bestehende Zustände aufrechtzuerhalten. Weil niemand gerne der Böse ist. Weil wir hoffen, dass sich das Problem von selbst regelt. Systemisch betrachtet: Wir vermeiden Spannung. Wir wollen Harmonie bewahren. Das ist menschlich. Aber es ist eine Illusion.


Denn während du wartest, arbeitet das System weiter. Es reguliert sich. Nur eben nicht so, wie du es dir wünschst.


Du weißt, dass jemand fachlich nicht mehr passt.

Die Selbstberuhigung klingt oft so: „Die Person wächst da noch rein.“ Währenddessen richtet sich dein Team am schwächsten Standard aus. Die guten Leute kompensieren still oder verlieren die Motivation.


Systemisch passiert hier: Das Team kalibriert sich neu. An dem, was geduldet wird. Nicht an dem, was du sagst oder möchtest. Kompetenz wird zur Frage der Interpretation. Leistung relativiert sich. Und die Starken im Team? Die ziehen sich zurück oder gehen innerlich auf Distanz. Manche kündigen leise, ohne dass du es merkst.


Was du tun kannst:

Benenne die Lücke. Klar, konkret, ohne Drama. „Ich sehe, dass X noch nicht da ist, wo wir es brauchen. Lass uns gemeinsam schauen, was möglich ist.“ Setze einen Zeitrahmen. Drei Monate. Sechs Monate. Dann wird neu bewertet. Und: Hör auf, die Starken im Team durch Schweigen zu bestrafen. Sie sehen, was du siehst. Und sie spüren, dass du nichts tust.


Du lässt informelle Macht laufen.

„Ich will keine Politik draus machen.“ Verständlich. Aber während du neutral bleibst, werden Entscheidungen unter der Hand getroffen. Nicht von dir. Von anderen. Und das Team spürt genau, wer hier eigentlich führt.


Systemisch betrachtet: Macht verschwindet nie. Sie verlagert sich nur. Wenn du als Führungskraft keinen Rahmen setzt, übernimmt jemand anderes diese Funktion. Nicht offiziell. Aber wirksam. Informelle Macht entsteht dort, wo formale Macht nicht ausgeübt wird. Und sie ist viel schwerer zu steuern, weil sie unsichtbar operiert.


Das Paradoxe: Du willst keine Politik. Aber durch dein Nichtstun erzeugst du genau das. Denn jetzt wird im Hintergrund verhandelt, wer wirklich das Sagen hat.


Was du tun kannst:

Mach sichtbar, was läuft. Sprich es an. „Ich merke, dass hier Themen parallel laufen. Lass uns das transparent machen.“ Kläre Entscheidungswege. Wer entscheidet was? Wer muss informiert werden? Wer hat Mitsprache? Und dann: Halte dich daran. Sonst wird jede Klärung zur Farce.


Du bist selbst nicht klar positioniert.

„Ich halte mir Optionen offen“ klingt flexibel, wirkt aber oft vage. Andere füllen das Vakuum für dich. Nicht aus Bosheit, sondern weil Klarheit fehlt.


Systemisch gesehen: Unklarheit ist Stress. Für alle. Menschen brauchen Orientierung. Nicht, weil sie unselbstständig sind, sondern weil Orientierung Handlungsfähigkeit ermöglicht. Wenn du als Führungskraft keine klare Richtung vorgibst, entsteht ein Interpretationsspielraum. Jeder liest aus deinem Schweigen etwas anderes heraus. Und dann arbeiten plötzlich alle an unterschiedlichen Zielen, während sie denken, sie seien auf einer Linie.


Deine Zurückhaltung wird zur Projektionsfläche. Und das ist anstrengend. Für dich. Für dein Team. Für die Zusammenarbeit.


Was du tun kannst:

Positioniere dich. Auch wenn du dir nicht sicher bist. Sag: „Ich tendiere zu X, weil Y. Ich bin offen für Argumente, aber nicht für Beliebigkeit.“ Das ist keine Schwäche. Das ist Führung. Und wenn du später merkst, dass du dich korrigieren musst? Dann korrigiere dich. Offen. Begründet. Das ist immer noch besser als im Nebel zu stehen.


Du vermeidest klares Leistungsfeedback.

„Ich will nicht unfair oder kleinlich wirken.“ Das Resultat: Niemand weiß mehr, was künftig wirklich gut genug ist. Schweigen wird zur Definition des Akzeptablen.


Hier greift ein systemisches Grundprinzip: Was nicht benannt wird, wird unsichtbar. Und was unsichtbar ist, kann nicht verändert werden. Wenn du Leistung nicht rückmeldest, gibst du keine Orientierung. Menschen lernen durch Rückkopplung. Ohne Feedback bleibt nur Spekulation. „War das jetzt gut? Oder hätte ich es anders machen sollen?“


Und noch etwas: Dein Schweigen ist nicht neutral. Es ist eine Botschaft. Es sagt: „So ist es wohl okay.“ Auch wenn du das nicht meinst. Das System interpretiert dein Verhalten. Nicht deine Absicht.


Was du tun kannst:

Gib Feedback. Konkret. Zeitnah. Ohne Drama. „Das war stark, weil...“ oder „Hier fehlt mir noch X, weil...“ Das ist nicht kleinlich. Das ist professionell. Und wenn du Angst hast, verletzend zu sein: Frag dich, ob es verletzender ist, ehrlich zu sein oder jemanden im Unklaren zu lassen.


Du hoffst auf Führung.

„Das entwickelt sich schon.“ Führung wird zur Projektion. Dein Team wartet auf dich. Du wartest auf was eigentlich?


Das ist vielleicht die härteste Erkenntnis: Systeme entwickeln sich nicht von selbst in die richtige Richtung. Sie entwickeln sich. Aber wohin, das hängt davon ab, welche Kräfte wirken. Wenn du keine Richtung vorgibst, übernehmen andere Kräfte das Steuer. Bequemlichkeit. Gewohnheit. Angst. Oder die Agenda von jemandem, der lauter ist als du.


Führung ist keine Rolle, die man hat. Sie ist eine Funktion, die man ausübt. Oder eben nicht.


Was du tun kannst:

Hör auf zu warten. Fang an zu führen. Nicht perfekt. Nicht allwissend. Aber bewusst. Setz einen nächsten Schritt. Kläre eine Frage. Triff eine Entscheidung. Und dann schau, was passiert. Führung ist nicht der große Wurf. Sie ist die Summe kleiner, klarer Handlungen.


Fazit

Führung heißt nicht, alles richtig zu machen. Aber sie heißt, bewusst zu entscheiden und die Wirkung im Blick zu behalten. Systeme regulieren sich immer. Die Frage ist nur: Mit dir. Oder ohne dich.

 
 
 

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